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        <article-title>„Also das ist ja ein ganz enger Austausch“ – Multiprofessionelle Kooperation als Qualitätsmerkmal diagnostischen Handelns am Grundschulübergang bei Schüler*innen mit sonderpädagogischem Förderbedarf</article-title>
        <subtitle>"So this is a very close exchange" - Multi-professional cooperation in joint learning as a quality feature of diagnostic action at the transition from primary to secondary school</subtitle>
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        <institution content-type="orgname">Westfälische Wilhelms-Universität Münster</institution>
        <institution content-type="orgdiv1">Institut für Erziehungswissenschaft</institution>
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        <year>2022</year>
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    <sec id="sec-2">
      <title>Einleitung</title>
      <p>In Deutschland wechseln jährlich rund 20.000 Schüler*innen mit sonderpädagogischem Förderbedarf (SPF) von allgemeinen Grundschulen auf weiterführende Schulen.<xref id="fn-1" ref-type="fn" rid="footnote-1">1</xref> In allen deutschen Bundesländern besteht nach einer inklusiven Grundschulzeit die Möglichkeit an eine allgemeine inklusive weiterführende Schule zu wechseln, wobei sich bundeslandspezifische Unterschiede in der Umsetzung inklusiver Bildung ergeben (Steinmetz, Wrase, Helbig &amp; Döttinger, <xref id = "12" ref-type = "bibr" rid = "Steinmetz.2021" > [12] </xref>). Die Wahl der allgemeinen Schule vs. Förderschule als weiterführenden Lernort ist eine bedeutsame Entscheidung, da die beiden Institutionen unterschiedliche Entwicklungsbedingungen bieten. Dies betrifft die Leistungsentwicklung (z. B. Stein &amp; Ellinger, <xref id = "13" ref-type = "bibr" rid = "Stein.2018b" > [13] </xref>), motivational-emotionale Merkmale wie das Fähigkeitsselbstkonzept (z. B. Wild et al., <xref id = "14" ref-type = "bibr" rid = "Wild.2015" > [14] </xref>) oder schulisches Wohlbefinden (z. B. Stelling, <xref id = "15" ref-type = "bibr" rid = "Stelling.2017" > [15] </xref>) sowie soziale Partizipation (z. B. Schürer, <xref id = "16" ref-type = "bibr" rid = "Schurer.2020" > [16] </xref>). Zudem unterscheiden sich die Schulabgänger*innen in den erreichten Abschlüssen und folglich in ihren Berufschancen (z. B. Klemm, <xref id = "17" ref-type = "bibr" rid = "Klemm.2010" > [17] </xref>). </p>
      <p>Bei der Entscheidung über die weitere Beschulung haben die Eltern in fast allen deutschen Bundesländern ein schulgesetzlich verankertes Recht zur Wahl der Schulform (allgemeine Schule vs. Förderschule), wenn auch nicht der Einzelschule (Steinmetz et al., <xref id = "18" ref-type = "bibr" rid = "Steinmetz.2021" > [18] </xref>). In einigen Ländern, so auch in NRW, kommt Lehrkräften dabei die Aufgabe der Beratung zu (z. B. SchulG NRW, <xref id = "19" ref-type = "bibr" rid = "SchulGNRW.20052021" > [19] </xref> §11). In dieser Beratung sprechen sie eine Empfehlung aus, ob das Kind weiterhin inklusiv oder an einer Förderschule unterrichtet werden sollte. Befunde zur elterlichen Schulformwahl bei Schüler*innen ohne SPF (z. B. Ditton &amp; Krüsken, <xref id = "21" ref-type = "bibr" rid = "Ditton.2009" > [21] </xref>) oder zur Entscheidung über den (Grundschul-)Förderort bei Schüler*innen mit SPF (Klicpera &amp; Gasteiger-Klicpera, <xref id = "22" ref-type = "bibr" rid = "Klicpera.2004" > [22] </xref>) lassen vermuten, dass sich Eltern auch bei der Wahl zwischen allgemeiner Schule und Förderschule am Grundschulübergang an dieser Empfehlung orientieren. </p>
      <p>Lehrkräfte sollten also eine möglichst qualitätsvolle Diagnostik anstreben. Möchte man die Qualität der Diagnostik am Übergang untersuchen, stößt eine ergebnisorientierte Perspektive, also die Frage nach der Bewährung der Diagnose, an methodische Grenzen (für Schüler*innen ohne SPF s. ausführlich: van Ophuysen, <xref id = "23" ref-type = "bibr" rid = "vanOphuysen.2006" > [23] </xref>). So sind ergebnisorientierte Indikatoren (z. B. Schulformverbleib, erfolgreicher Schulabschluss) keine eindeutigen Kriterien für die Güte der Empfehlung, denn Lehrkräfte können potenzielle Veränderungen der individuellen oder institutionellen Lernbedingungen nicht vorhersehen und entsprechend nicht berücksichtigen (Krapp, <xref id = "24" ref-type = "bibr" rid = "Krapp.1979" > [24] </xref>). Daher wählen wir in diesem Beitrag eine prozessorientierte Perspektive und untersuchen die multiprofessionelle Kooperation als eines der Qualitätsmerkmale des diagnostischen Prozesses. Dabei betrachten wir die Kooperation zwischen der Klassen- und sonderpädagogischen Lehrkraft an der allgemeinen Grundschule sowie die Kooperation zwischen Grund- und weiterführender Schule. </p>
    </sec>
    <sec id="sec-3">
      <title>Kooperation im Rahmen der Pädagogischen Diagnostik</title>
      <sec id="sec-3_1">
        <title>Kooperation als Qualitätsmerkmal Pädagogischer Diagnostik am Übergang</title>
        <p>Ausgehend von den einleitend angesprochenen Schwierigkeiten bei der Bestimmung der Ergebnisqualität legt das Vier-Komponenten-Modell der Diagnosequalität seinen Fokus explizit auf die Prozessqualität der Diagnostik (Behrmann &amp; van Ophuysen, <xref id = "25" ref-type = "bibr" rid = "Behrmann.2017" > [25] </xref>; Lintorf, Behrmann &amp; van Ophuysen, <xref id = "26" ref-type = "bibr" rid = "Lintorf.2016" > [26] </xref>; van Ophuysen, <xref id = "27" ref-type = "bibr" rid = "vanOphuysen.2018" > [27] </xref>), berücksichtigt aber ebenso den Einfluss der Prozess- auf die Ergebnisqualität. Das Modell enthält eine Vielzahl an „exemplarisch benannten Merkmalen [basierend] auf theoretischen und normativen Überlegungen“ (Van Ophuysen &amp; Behrmann, <xref id = "28" ref-type = "bibr" rid = "vanOphuysen.2015" > [28] </xref>, S. 90). Diese haben wir um den Aspekt der Kooperation auf der Prozessseite bei den Qualitätsmerkmalen diagnostischen Handelns ergänzt (Abbildung 1), denn Kooperation ist die Voraussetzung für Multiperspektivität und trägt auch zur Validität der diagnostischen Informationen bei (Ergebnisseite): Zum einen bietet Kooperation die Möglichkeit dieselbe Information aus verschiedenen (professionellen) Perspektiven zu betrachten und so potenziellen Urteilsverzerrungen vorzubeugen. Zum anderen ermöglicht Kooperation auch den Austausch von Informationen, die den Kooperierenden andernfalls nicht zugänglich gewesen wären. Dies ist vor allem bei Entscheidungen für Personengruppen mit besonderen Bedarfen gefordert (Irblich &amp; Stahl, <xref id = "29" ref-type = "bibr" rid = "Irblich.2005" > [29] </xref>), bei denen potenziell mehr Personen verschiedener Professionen involviert sind. Folglich gilt Kooperation im inklusiven Kontext als Schlüsselkompetenz für eine qualitätsvolle Diagnostik (Schäfer &amp; Rittmeyer, <xref id = "30" ref-type = "bibr" rid = "Schafer.2015" > [30] </xref>). </p>
        <fig id="fig1">
          <caption>
            <title>
              Abbildung 1: Vier-Komponenten-Modell der Diagnosequalität (in Anlehnung an Behrmann &amp; van Ophuysen, <xref id = "31" ref-type = "bibr" rid = "Behrmann.2017" > [31] </xref>; Lintorf et al., <xref id = "32" ref-type = "bibr" rid = "Lintorf.2016" > [32] </xref>; van Ophuysen, <xref id = "33" ref-type = "bibr" rid = "vanOphuysen.2018" > [33] </xref>)
            </title>
          </caption>
          <graphic mimetype="image" mime-subtype="png" xlink:href="69-Abbildung-1.jpg"/>
        </fig>
        <p>Die Empfehlung für eine weiterführende Schulform oder für die Förder- vs. allgemeine Schule auf Basis einer umfänglichen Diagnostik führt zu einer Platzierungsentscheidung (Bundschuh &amp; Winkler, <xref id = "34" ref-type = "bibr" rid = "Bundschuh.2019" > [34] </xref>; Ingenkamp &amp; Lissmann, <xref id = "35" ref-type = "bibr" rid = "Ingenkamp.2008" > [35] </xref>), die eine Passungsbewertung erfordert (Schmidt-Atzert &amp; Amelang, <xref id = "36" ref-type = "bibr" rid = "SchmidtAtzert.2012" > [36] </xref>). Dafür müssen Lehrkräfte relevante Informationen über das Kind sammeln und mit Informationen über die aufnehmende Schulform bzw. Schule abgleichen. Für eine qualitätsvolle Diagnostik ist daher sowohl eine innerschulische als auch schulübergreifende Kooperation zweckdienlich: Die Kooperation zwischen Klassen- und sonderpädagogischer Lehrkraft in der Grundschule trägt zur Multiperspektivität und Vollständigkeit der kindbezogenen Informationen bei, während die Grundschule durch die schulübergreifende Kooperation empfehlungsrelevante Informationen über die betreffende weiterführende Einzelschule einholen kann. </p>
      </sec>
      <sec id="sec-3_2">
        <title>Definition pädagogisch-diagnostischer Aufgaben von Regel- und sonderpädagogischer Lehrkraft durch Fachwissenschaft und Bildungsadministration</title>
        <p>Die bisherigen Ausführungen lassen offen, wie Kooperation selbst als Prozess zu gestalten ist. Dies betrifft u. a. die Aufgaben- und Rollenverteilung von Klassen- und sonderpädagogischer Lehrkraft. An Lehrkräfte werden dazu uneindeutige Anforderungen herangetragen. Schon innerhalb der Sonderpädagogik besteht hierzu keine Einigkeit (zsf. Lütje-Klose, Miller &amp; Ziegler, <xref id = "37" ref-type = "bibr" rid = "LutjeKlose.2014" > [37] </xref>): Es treffen Vorstellungen von der sonderpädagogischen Lehrkraft als Generalistin vs. Spezialistin aufeinander. Erstere betont die Übernahme aller schulischen Tätigkeiten gemeinsam durch die Regelschul- und sonderpädagogische Lehrkraft in Bezug auf alle Schüler*innen. Sie sieht beide als gleichberechtigt sowie gleichermaßen verantwortlich an. Letztere schreibt der sonderpädagogischen Lehrkraft eine besondere Zuständigkeit für förderbedürftige Schüler*innen zu. </p>
        <p>Auch rechtliche Vorgaben sind nicht eindeutiger. Einerseits heben sie die Zuständigkeit der sonderpädagogischen Lehrkraft für Schüler*innen mit SPF hervor oder verweisen auf spezifische Qualifikationen (z. B. SopädVO Berlin, <xref id = "38" ref-type = "bibr" rid = "SopadVOBerlin.20052019" > [38] </xref>). Andererseits ist „eine gemeinsam durchgeführte und verantwortete Diagnostik“ gefordert (KMK, <xref id = "40" ref-type = "bibr" rid = "KMK.2011" > [40] </xref>, S. 19). </p>
        <p>Eine besondere Zuständigkeit für die Diagnostik lässt sich aber aus den Studieninhalten ableiten: Hier hat die Diagnostik allein schon durch die für jeden Förderschwerpunkt spezifischen Inhalte einen hohen Stellenwert (z. B. Technische Universität Dortmund, <xref id = "41" ref-type = "bibr" rid = "TechnischeUniversitatDortmund.2021" > [41] </xref>). Infolgedessen sind Bezug und Durchführung diagnostischer Verfahren wie z. B. Intelligenztests sonderpädagogischen Lehrkräften vorbehalten, während andere Lehrkräfte nur Zugriff auf Schultests haben (Kuhl et al., <xref id = "42" ref-type = "bibr" rid = "Kuhl.2012" > [42] </xref>). </p>
      </sec>
      <sec id="sec-3_3">
        <title>Kooperation bezogen auf die pädagogische Diagnostik am Übergang: Forschungsstand</title>
        <p>Bisher ist die Forschung zur Kooperation von Lehrkräften zur Erfüllung diagnostischer Aufgaben stark begrenzt. Dies gilt für die innerschulische und schulformübergreifende Kooperation gleichermaßen. </p>
        <p>Die Forschung zur Kooperation von Lehrkräften des Lehramts für allgemeine Schulen und der sonderpädagogischen Förderung untersucht schwerpunktmäßig die unterrichtsbezogene Kooperation. Diesbezüglich sind sowohl Regel- als auch Förderschullehrkräfte mit ihrer Kooperation zufrieden (Fischer, Preiß &amp; Quandt, <xref id = "43" ref-type = "bibr" rid = "Fischer.2017" > [43] </xref>; Salzberg-Ludwig, <xref id = "44" ref-type = "bibr" rid = "SalzbergLudwig.2012" > [44] </xref>), jedoch erlebt das sonderpädagogische Personal die gemeinsame Arbeit weniger kooperativ als Regelschullehrkräfte (Gebhard et al., <xref id = "45" ref-type = "bibr" rid = "Gebhard.2014" > [45] </xref>; Gebhardt, Krammer, Schwab &amp; Gasteiger-Klicpera, <xref id = "46" ref-type = "bibr" rid = "Gebhardt.2013" > [46] </xref>), nicht zuletzt wenn es um gemeinsame Ziele geht (Beck &amp; Maykus, <xref id = "47" ref-type = "bibr" rid = "Beck.2016" > [47] </xref>). </p>
        <p>Die Gestaltung der Kooperation ist durch Arbeitsteilung geprägt. Sonderpädagogische Lehrkräfte sehen sich vornehmlich zuständig für Schüler*innen mit SPF (Arndt &amp; Werning, <xref id = "48" ref-type = "bibr" rid = "Arndt.2013b" > [48] </xref>; Kreis, Wick &amp; Kosorok Labhart, <xref id = "49" ref-type = "bibr" rid = "Kreis.2014" > [49] </xref>; Lindmeier &amp; Beyer, <xref id = "50" ref-type = "bibr" rid = "Lindmeier.2011" > [50] </xref>; Moser, Schäfer &amp; Redlich, <xref id = "51" ref-type = "bibr" rid = "Moser.2011" > [51] </xref>). Regelschullehrkräfte dagegen sehen ihre Zuständigkeit eher in Bezug auf die ganze Klasse (Kreis et al., <xref id = "52" ref-type = "bibr" rid = "Kreis.2014" > [52] </xref>; Quante &amp; Urbanek, <xref id = "53" ref-type = "bibr" rid = "Quante.2021" > [53] </xref>). Darüber sind sich die beiden Gruppen auch mehrheitlich einig (Kreis et al., <xref id = "54" ref-type = "bibr" rid = "Kreis.2014" > [54] </xref>), wenngleich Regelschullehrkräfte diese Ansicht noch stärker vertreten (Fischer et al., <xref id = "55" ref-type = "bibr" rid = "Fischer.2017" > [55] </xref>) bzw. sonderpädagogische Lehrkräfte hier eine große Diskrepanz zwischen Ist und Soll sehen (Stein, <xref id = "56" ref-type = "bibr" rid = "Stein.2005" > [56] </xref>). </p>
        <p>Diese Arbeitsteilung spiegelt sich auch in der Praxis wider (Radhoff, Buddeberg &amp; Hornberg, <xref id = "57" ref-type = "bibr" rid = "Radhoff.2018" > [57] </xref>). Entsprechend ist die Kooperationsform „One teach, one assist“ weit verbreitet, während Formen der integrierten Förderung am seltensten durchgeführt werden (Arndt &amp; Werning, <xref id = "58" ref-type = "bibr" rid = "Arndt.2013b" > [58] </xref>; Petzold &amp; Glück, <xref id = "59" ref-type = "bibr" rid = "Petzold.2018" > [59] </xref>). Auch machen Regelschullehrkräfte häufiger Elternberatung und Kleingruppenförderung bei Schüler*innen ohne SPF (Petzold &amp; Glück, <xref id = "60" ref-type = "bibr" rid = "Petzold.2018" > [60] </xref>) und sonderpädagogische Lehrkräfte werden bei Schwierigkeiten mit einzelnen Kindern hinzugezogen (Beck &amp; Maykus, <xref id = "61" ref-type = "bibr" rid = "Beck.2016" > [61] </xref>). </p>
        <p>Unklar ist, ob sich die bisher dargestellten Befunde auch auf die Aufgabe der Diagnostik übertragen lassen. Zu der Frage, ob Regel- und sonderpädagogische Lehrkräfte Diagnostik überhaupt in ihrer Kooperation thematisieren, liegen positive wie negative Befunde vor (Gebhard et al., <xref id = "62" ref-type = "bibr" rid = "Gebhard.2014" > [62] </xref>; Salzberg-Ludwig, <xref id = "63" ref-type = "bibr" rid = "SalzbergLudwig.2012" > [63] </xref>). Davon abgesehen beschreiben sonderpädagogische Lehrkräfte Diagnostik nicht als ihre häufigste Aufgabe (Melzer &amp; Hillenbrand, <xref id = "64" ref-type = "bibr" rid = "Melzer.2015" > [64] </xref>). Wenn jedoch Diagnostik betrieben wird, fällt sie hauptsächlich, wenn nicht sogar gänzlich in ihre Zuständigkeit (Petzold &amp; Glück, <xref id = "65" ref-type = "bibr" rid = "Petzold.2018" > [65] </xref>). Dies gilt auch für die Feststellung des SPFs: Obwohl sie in Nordrhein-Westfalen formal in der Verantwortung beider Lehrkräfte steht, führt ein Großteil der sonderpädagogischen Lehrkräfte sie nahezu allein verantwortlich durch (Iskenius-Emmler, Nußbeck &amp; Haustein, <xref id = "66" ref-type = "bibr" rid = "IskeniusEmmler.2003" > [66] </xref>; s. aber Kreis et al., <xref id = "67" ref-type = "bibr" rid = "Kreis.2014" > [67] </xref>). Diese Aufgabenteilung wird auch kaum durch Interventionen beeinflusst (Morgenroth &amp; Grosche, <xref id = "68" ref-type = "bibr" rid = "Morgenroth.2017" > [68] </xref>; Quante &amp; Urbanek, <xref id = "69" ref-type = "bibr" rid = "Quante.2021" > [69] </xref>). </p>
        <p>Die Forschung zur Kooperation mit der weiterführenden Schule befasst sich nahezu ausschließlich mit der anschlussfähigen Gestaltung des Übergangs (z. B. Racherbäumer &amp; Kohnen, <xref id = "70" ref-type = "bibr" rid = "Racherbaumer.2014" > [70] </xref>). Nur am Rande kommt zur Sprache, dass die Kooperation auch empfehlungsrelevante Informationen über die weiterführende Schule bietet (Lassek, <xref id = "71" ref-type = "bibr" rid = "Lassek.2013" > [71] </xref>). Teilweise bleibt unklar, ob einzelne kooperative Maßnahmen neben der Übergangsgestaltung auch dazu dienen, Informationen für die Empfehlungsfindung im Einzelfall oder für die professionelle Weiterentwicklung der persönlichen diagnostischen Praxis zu gewinnen (van Ophuysen, Schürer &amp; Bloh, <xref id = "72" ref-type = "bibr" rid = "vanOphuysen.2021" > [72] </xref>). Unabhängig vom Zweck der Kooperation haben Lehrkräfte eine positive Einstellung zur grundsätzlichen, schulformübergreifenden Kooperation, teils gepaart mit dem Wunsch nach intensiverer Kooperation (Porsch, <xref id = "73" ref-type = "bibr" rid = "Porsch.2015" > [73] </xref>; Racherbäumer &amp; Kohnen, <xref id = "74" ref-type = "bibr" rid = "Racherbaumer.2014" > [74] </xref>), wenngleich die Kooperation nicht immer konfliktfrei und auf Augenhöhe erfolgt (Fuchs &amp; Tippelt, <xref id = "75" ref-type = "bibr" rid = "Fuchs.2012" > [75] </xref>). </p>
      </sec>
    </sec>
    <sec id="sec-4">
      <title>Fragestellung</title>
      <p>Eine professionelle Kooperation ist eines der Qualitätsmerkmale diagnostischen Handelns, vor allem bei Schüler*innen mit SPF. In der Forschung findet allerdings höchstens die unterrichtsbezogene Kooperation von Regel- und sonderpädagogischer Lehrkraft Beachtung. Auch werden Kooperationen zwischen anderen Kooperationspartner*innen weitgehend ausgeblendet. Am Beispiel der Diagnostik am Grundschulübergang in die weiterführende Förder- oder allgemeine Schule gehen wir daher folgenden Fragestellungen nach: </p>
      <list list-type="order">
        <list-item>
          <p>Mit welcher Zielsetzung kooperieren die Grundschulen mit weiterführenden Förder-/ Regelschulen?</p>
        </list-item>
        <list-item>
          <p>In welcher Form findet diagnostikbezogene Kooperation zwischen Klassen- und sonderpädagogischer Lehrkraft in der Grundschule statt? (a) Wer ist für die Diagnostik, v. a. im Rahmen des Übergangs zuständig? (b) Wer fühlt sich für die Übergangsempfehlung der Schüler*innen mit SPF verantwortlich?</p>
        </list-item>
      </list>
    </sec>
    <sec id="sec-5">
      <title>Methode</title>
      <sec id="sec-5_1">
        <title>Stichprobe</title>
        <p>Insgesamt wurden elf Interviews mit sechs Klassenlehrkräften und fünf Lehrkräften für sonderpädagogische Förderung aus acht nordrhein-westfälischen allgemeinen Grundschulen aus jeweils drei Großstädten, mittleren Städten und kleineren Gemeinden geführt. Aufgrund des explorativen Vorgehens berücksichtigte das Sampling damit unterschiedliche Professionen (sonderpädagogische vs. Klassenlehrkräfte) zur Abbildung der verschiedenen Perspektiven, sowie unterschiedliche Schulstandorte und Schulgrößen (zwei- bis vierzügig). Damit wurde entsprechend dem Prinzip der Varianzmaximierung (Patton, <xref id = "76" ref-type = "bibr" rid = "Patton.2002" > [76] </xref>) ein heterogenes deduktives Stichprobensampling gewählt. Voraussetzung zur Teilnahme war die zumindest einmalige Begleitung von Schüler*innen mit SPF im Übergang von Klasse 4 in Klasse 5. Die Interviewten waren im Durchschnitt 50,64 Jahre (SD = 8,56) alt, hatten 23,00 Jahre (SD = 7,42) Berufserfahrung (eine fehlende Angabe) und hatten zuletzt in den Schuljahren 2017/18, 2018/19 oder 2019/20 Schüler*innen mit SPF (im Bereich Lernen und/oder emotional-soziale Entwicklung) im Übergang begleitet. </p>
      </sec>
      <sec id="sec-5_2">
        <title>Durchführung</title>
        <p>Die vorliegenden Daten stammen aus einem Projekt zur Diagnostik am Übergang von der Grund- zur weiterführenden Schule bei Schüler*innen mit SPF. Die Teilnehmenden wurden im Mai/Juli oder im September 2020 erst per E-Mail und anschließend telefonisch kontaktiert. Die Teilnahme an den Interviews erfolgte freiwillig, unter informierter Einwilligung und ohne Vergütung. Geschulte Interviewer*innen führten die durchschnittlich 55-minütigen (min: 31 Minuten, max: 120 Minuten) Interviews am Ende des Schuljahres 2019/2020 oder zu Beginn des Schuljahres 2020/2021 durch. </p>
        <p>Pandemiebedingt fanden die Interviews ausschließlich über die Video-Telefonie-Software Zoom statt. Zur Sicherung des Datenschutzes dienten geeignete Maßnahmen sowohl bei der Durchführung (z. B. Zugangspasswort, Warteraumfunktion) als auch der Speicherung (z. B. Aufzeichnung mit externem Aufnahmegerät, Anonymisierung in den Transkripten) der Interviews, so dass die Anforderungen der Datenschutz-Grundverordnung eingehalten wurden. Die Lehrkräfte wurden zu Beginn der Interviews auf diese Maßnahmen hingewiesen und zur Verwendung von Klarnamen ermutigt. Dies sicherte eine möglichst freie Erzählung. </p>
      </sec>
      <sec id="sec-5_3">
        <title>Erhebungsinstrument</title>
        <p>Die Datenerhebung erfolgte durch leitfadengestützte Interviews. Der erste, episodisch angelegte Teil des Leitfadens beinhaltet Fragen, die Narrationen über die für die Lehrkräfte empfehlungsrelevanten Kriterien bei einem einzelnen, ausgewählten Kind anstoßen. Für die hier thematisierten Forschungsfragen sind in erster Linie die fallspezifischen wie fallübergreifenden Auskünfte aus dem zweiten Teil des Interviews relevant. Orientiert am Vier-Komponenten-Modell der Diagnosequalität (Abschnitt 2.1) thematisiert der Leitfaden verschiedene Qualitätsmerkmale diagnostischen Handelns bei der Empfehlungsformation, so auch die multiprofessionelle Kooperation. Sofern die Interviewten Kooperationen nicht von sich aus ansprachen, wurden sie gezielt nach der Kooperation mit verschiedenen Personen(gruppen) gefragt, u. a. nach der Kooperation zwischen Klassenlehrkraft und sonderpädagogischer Lehrkraft sowie nach der Kooperation mit externen Kolleg*innen von weiterführenden Förder- oder allgemeinen Schulen. </p>
      </sec>
      <sec id="sec-5_4">
        <title>Auswertung</title>
        <p>Alle Interviews wurden mit einem vereinfachten Transkriptionssystem transkribiert (Dresing &amp; Pehl, <xref id = "85" ref-type = "bibr" rid = "Dresing.2018" > [85] </xref>), das vor allem eine gute Lesbarkeit sicherstellen sollte. Im Rahmen eines explorativen Zugangs wurde die diagnostikbezogene Kooperation im Kontext des Übergangs ausgehend von den Sichtweisen der sonderpädagogischen Lehrkräfte und Klassenlehrkräfte analysiert. Basis der Auswertung stellte eine inhaltlich strukturierende und eine evaluative qualitative Inhaltsanalyse (Kuckartz, <xref id = "86" ref-type = "bibr" rid = "Kuckartz.2018" > [86] </xref>) in MAXQDA (VERBI Software, <xref id = "87" ref-type = "bibr" rid = "VERBISoftware.2019" > [87] </xref>) dar. Um die Güte der Kodierungen sicherzustellen, wurden die Interviews zu Beginn wie auch bei später auftretenden Unsicherheiten konsensuell kodiert. Die angefertigte Themenmatrix erlaubte sowohl fall- als auch kategorienorientierte Analysen. </p>
        <p>Zur <italic>inhaltlichen Strukturierung</italic> der Daten für die hier aufgeworfenen Fragestellungen waren die Hauptkategorie „Kooperation mit verschiedenen Personen(gruppen)“ und die Subkategorien (1) „Kooperation mit weiterführenden Schulen“ und (2) „schulinterne Kooperation zwischen Klassen- und sonderpädagogischer Lehrkraft“ relevant (s. Abbildung 2). </p>
        <fig id="fig2">
          <caption>
            <title>
              Abbildung 2: Vorgehen der Auswertung für die Kooperation zwischen der Klassenlehrkraft (KL) und der sonderpädagogischen Lehrkraft (SP) sowie zwischen der Grundschule (GS) und der weiterführenden Schule (WS).
            </title>
          </caption>
          <graphic mimetype="image" mime-subtype="png" xlink:href="69-Abbildung-2.png"/>
        </fig>
        <p>Da die Anzahl der Segmente in den o. g. Subkategorien pro Fall begrenzt war, erfolgte die anschließende <italic>evaluative Analyse</italic> der Kodiereinheiten auf Basis einer Gesamteinschätzung. Dafür wurde jeder Fall einer von zwei bzw. drei ordinalen Ausprägungen der Subkategorien zugeordnet. </p>
        <p>In der evaluativen Klassifikation zur Subkategorie <italic>Kooperation mit den weiterführenden Schulen</italic> wurden die Fälle danach zugeordnet, ob die Kooperation (auch) der Sammlung übergangsrelevanter Informationen über die weiterführende Schule diente (ja/nein) bzw. allein die Erleichterung des Übergangs zum Ziel hatte. Bei der Subkategorie <italic>schulinterne Kooperation</italic> geschah die Zuordnung der Fälle zum einen unter der Frage, (a) ob unterschiedliche Zuständigkeiten der beiden Professionen für die Diagnostik deutlich wurden, also eine Aufgabenverteilung vorhanden war (ja/nein). Diese Zuordnung wurde beispielsweise auf Grundlage der Aussagen zur Verantwortlichkeit für formelle vs. informelle Diagnostik vorgenommen sowie Aussagen zur Verantwortlichkeit für bestimmte Schüler*innengruppen (mit vs. ohne SPF). Zum anderen wurde die Zuordnung der Fälle unter der Frage, (b) wie die Verantwortung für die Übergangsempfehlung verteilt war (Verantwortung nur bei einer Profession vs. geteilte Verantwortung, s. Abbildung 2). Die Zuordnung der Fälle erfolgte insbesondere auf Basis von Formulierungen in der 1. Person Singular vs. Plural. Zudem flossen Aussagen auf explizite Nachfragen zur Beteiligung der sonderpädagogischen Lehrkraft bzw. der Klassenlehrkraft im Rahmen der Übergangsempfehlung in diese Kategorisierung ein. Auch wenn im Interview Diagnostik immer in den thematischen Rahmen des Übergangs eingebettet war, gingen die interviewten Personen teilweise auf Diagnostik ein, ohne den Übergang explizit zu benennen (z. B. Diagnostik zur Feststellung des SPFs). Dies ist nachvollziehbar, da auch länger zurückliegende Informationen und eine hohe Breite an Informationen empfehlungsrelevant sein können. Solche Textpassagen gingen daher auch in die Analyse ein. </p>
      </sec>
    </sec>
    <sec id="sec-6">
      <title>Ergebnisse</title>
      <p>In die Kategorie „Kooperation mit weiterführenden Schulen“ entfielen 57 Kodiereinheiten; demnach durchschnittlich etwa fünf Aussagen pro Interview. Mit 119 Kodiereinheiten entfielen deutlich mehr Aussagen in die Kategorie „innerschulische Kooperation“. Dies entspricht durchschnittlich knapp 11 Kodiereinheiten pro Interview. </p>
      <sec id="sec-6_1">
        <title>Kooperation mit Lehrkräften der weiterführenden Schulen (Fragestellung 1)</title>
        <p>In den Interviews werden der Kooperation mit weiterführenden Schulen oft mehrere Ziele zugeschrieben. Dabei steht in der Regel die Erleichterung des Übergangs im Vordergrund. Teilweise dienen die Kooperationen aber auch dem diagnostischen Zweck, Informationen über die Schulformen bzw. die Einzelschule einzuholen. Nur drei Interviewte thematisieren diese Zielsetzung gar nicht. In den anderen acht Interviews findet dieser Aspekt mit unterschiedlichen, teilweise nicht bestimmbaren Schwerpunktsetzungen Erwähnung. In einem Interview wird beispielsweise von festen Terminen mit einigen weiterführenden Schulen berichtet, <italic>„wo die uns besuchen kommen und sich quasi vorstellen. […] sodass quasi die Schulen bei uns für sich Werbung machen dürfen und sich bei uns vorstellen dürfen.“</italic> (Interview 6, Schule 4, KL). Ob aus diesen Präsentationen für die Diagnostik relevante Informationen gezogen werden, wird hier nicht klar. Andere Lehrkräfte sprechen hingegen die Relevanz des Einholens schulbezogener Informationen direkt an, wie im folgenden Zitat deutlich wird: </p>
        <disp-quote>
          <p>„Und ich die dann besuchen kann und die mir angucken kann, wie es da denn so läuft. Und ob ich mir das für jemanden vorstellen könnte. Ich glaube das ist einfach wichtig, um Eltern auch beraten zu können.“ (Interview 1, Schule 1, SP) </p>
        </disp-quote>
        <p>Manche wünschen sich zudem mehr Kooperation, da sie ihr aus zweiter Hand gewonnenes Wissen über die weiterführenden Schulen im Umkreis als unzureichend empfinden. </p>
        <disp-quote>
          <p>„Wenn es jetzt um einzelne Schulen geht, zum Beispiel im Abwägen zwischen Real- und Gesamtschulen, […] Dass man ja wirklich nicht genau weiß, man spekuliert mehr oder weniger, ne? Man hat verschiedene Erfahrungen gehört von Eltern, die ihre Kinder an diesen Schulen haben. Und daraufhin sagt man dann so eine Prognose. […] Also diese Erfahrungen sind möglicherweise hilfreich für weitere Empfehlungen.“ (Interview 10, Schule 7, KL)</p>
        </disp-quote>
        <p>Eine Interviewte sieht die Umsetzung vermehrter Kooperation aber auch als <italic>„Riesenproblem in dörflich-ländlichen Schulen“</italic> an, weil die Anzahl der aufnehmenden Schulen dafür zu groß ist (Interview 5, Schule 4, SP). </p>
        <p>Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass alle Interviewten von bestehenden Kooperationen mit weiterführenden Schulen berichten und diese unabhängig von ihrer Profession als wichtig empfinden. Die Kooperation mit der Zielsetzung diagnostische Informationen für die Empfehlung zu erhalten, wird dabei in acht von elf Interviews erkennbar. </p>
        <p>Nach der Betrachtung der schulübergreifenden Kooperation gehen wir im Folgenden auf die innerschulische Kooperation zwischen Klassen- und sonderpädagogischer Lehrkraft ein. </p>
      </sec>
      <sec id="sec-6_2">
        <title>Kooperation zwischen Grundschul- und sonderpädagogischer Lehrkraft in Bezug auf die Diagnostik (Fragestellung 2)</title>
        <sec id="sec-6_2_1">
          <title>Zuständigkeiten bezogen auf die Diagnostik</title>
          <p>In allen Interviews wird eine Aufgabenteilung beschrieben. Dabei fällt der Bereich der formellen Diagnostik insbesondere in den Aufgabenbereich der sonderpädagogischen Lehrkräfte. Ihnen vorbehalten ist beispielsweise die Durchführung standardisierter Testverfahren, was eine Regelschullehrkraft folgendermaßen auf den Punkt bringt: <italic>„Die hat bei uns eigentlich immer die Sonderpädagogin durchgeführt, also weil das sozusagen deren Job ist.“</italic> (Interview 9, Schule 6, KL). </p>
          <p>Aber auch im Rahmen informeller Methoden sind sonderpädagogische Lehrkräfte gefordert. Auf die Frage danach, wie übergangsrelevante Informationen gesammelt werden, finden sich in den Aufgabenzuschreibungen für diese Lehrkräfte aus Perspektive einer Klassenlehrkraft z. B. Anamnesegespräche: </p>
          <disp-quote>
            <p>„[…] und die Sonderpädagogin hat auch quasi dann ein einfaches Gespräch geführt - im Sinne Anamnese gemacht - also nochmal quasi mit den Müttern über die vorgeburtlichen und geburtlichen Dinge sogar auch gesprochen, um nochmal zu gucken, wie weit geht das eigentlich zurück, mit dem, was dieses Kind ausmacht. Und dann den Spielbereich angeguckt, was spielen die Kinder, was schauen die gerne an Filmen.“ (Interview 9, Schule 6, KL)</p>
          </disp-quote>
          <p>Andere Methoden der informellen Diagnostik wie z. B. Beobachtungsbögen fallen in den Aufgabenbereich beider Professionen. Mehrere Lehrkräfte beider Gruppen nutzen Lernstandskontrollen, um empfehlungsrelevante Informationen zu sammeln. Dies erfolgt jedoch getrennt für Schüler*innen ohne vs. mit SPF, wie in folgendem Zitat deutlich wird: </p>
          <disp-quote>
            <p>„Und ich konzipiere dann, wenn sie Klassenarbeiten macht, dann konzipiere ich einfachere Klassenarbeiten und so sind wir eigentlich immer über dieses Kind in einem ständigen Austausch.“ (Interview 5, Schule 4, SP)</p>
          </disp-quote>
          <p>Sonderpädagogische Lehrkräfte werden demnach vor allem hinzugezogen, wenn Schüler*innen <italic>„schwieriger werden“</italic> (Interview 3, Schule 3, SP). Dies zeigt sich nicht zuletzt auch in der Arbeitsaufteilung bei den Übergangsformalitäten, wie eine Sonderpädagogin beschreibt: </p>
          <disp-quote>
            <p>„Also einmal gibt es natürlich die Übergangsformalitäten, die für alle Grundschüler zutreffen. Da bin ich ja außen vor. Und dann speziell etwas für Förderschüler. Und da bin ich wieder drin.“ (Interview 3, Schule 3, SP)</p>
          </disp-quote>
          <p>Insgesamt zeichnet sich also ein Bild von einer recht klaren Zuständigkeit der sonderpädagogischen Lehrkraft für formelle Diagnoseverfahren und für Schüler*innen mit SPF bzw. einer Zuständigkeit der Regelschullehrkraft für die anderen Schüler*innen der Klasse. Wer aber für die letztendliche Übergangsempfehlung der Schüler*innen mit SPF verantwortlich ist, wird im folgenden Kapitel geklärt. </p>
        </sec>
        <sec id="sec-6_2_2">
          <title>Verantwortlichkeiten bezogen auf die Übergangsempfehlung</title>
          <p>Obwohl in allen Interviews die Diagnostik bei Schüler*innen mit SPF klar in die Zuständigkeit der sonderpädagogischen Lehrkraft fällt, unterscheiden sich die Beschreibungen aber darin, wer sich letztendlich für die Übergangsempfehlung bzw. den -prozess bei Schüler*innen mit SPF verantwortlich fühlt. Fälle mit alleiniger Verantwortung für den Übergangsprozess bei der sonderpädagogischen Lehrkraft lassen sich auf Basis des Interviewmaterials nicht bestimmen. In einem Fall ist die alleinige Verantwortung der Klassenlehrkraft deutlich erkennbar. In der betreffenden Schule ist zwar sonderpädagogische Expertise vorhanden, wird aber scheinbar nicht genutzt. Die Klassenlehrkraft äußert, dass die Sonderpädagogin nicht an der Entscheidungsfindung beteiligt war und zeichnet das Bild einer randständigen Rolle: </p>
          <disp-quote>
            <p>„Nur eben war die sonderpädagogische Förderberaterin dabei, als Zusätzliche um dieses Protokoll der Elternberatung [zu führen].“ (Interview 10, Schule 7, KL)</p>
          </disp-quote>
          <p>In allen anderen Fällen wird eine geteilte Verantwortung beider Lehrkräfte deutlich. Dabei zeigen sich aber Unterschiede, die im Folgenden herausgearbeitet werden. </p>
          <p>In drei Fällen scheint die Federführung im Übergangsprozess tendenziell in der Hand der sonderpädagogischen Lehrkraft zu liegen. In einem Fall spricht die befragte sonderpädagogische Lehrkraft in großen Teilen in der 1. Person Singular: </p>
          <disp-quote>
            <p>„Und ganz zum Schluss sage ich natürlich dann auch meine eigene persönliche Meinung. Und die kennzeichne ich dann zum Schluss auch, dass ich sage "Ich empfehle Ihnen als Eltern. Ich würde Ihnen das empfehlen, weil das, das, das, das.". […] Und deshalb war für mich der Gemeinsame Unterricht nicht so die erste Wahl, […] Und deshalb habe ich den Eltern empfohlen, das Kind vielleicht doch lieber in der Förderschule fördern zu lassen.“ (Interview 11, Schule 8, KL)</p>
          </disp-quote>
          <p>In den zwei weiteren Fällen stellt die jeweils interviewte Regelschullehrkraft die bedeutsame Rolle der sonderpädagogischen Lehrkraft heraus: </p>
          <disp-quote>
            <p>„Und da hatte der Sonderpädagoge die Gesprächsleitung. Er hatte einen Gesprächsleitfaden, und da habe ich mich durchführen lassen. Also da war ich eher weniger beteiligt.“ (Interview 2, Schule 2, KL)</p>
          </disp-quote>
          <disp-quote>
            <p>„Also da muss ich einfach sagen, da ist dann die Sonderpädagogin bei uns an der Schule einfach federführend mitgewesen.“ (Interview 6, Schule, 4, KL)</p>
          </disp-quote>
          <p>Dennoch wird in allen drei Fällen auf die Frage danach, welche Personen am Übergangsprozess beteiligt oder auch besonders hilfreich waren, sowohl auf die Klassenlehrkräfte als auch die sonderpädagogischen Lehrkräfte verwiesen. </p>
          <p>In einem Fall schreibt die Klassenlehrkraft neben den Eltern sich selbst die Hauptverantwortung für den Übergangsprozesses zu: </p>
          <disp-quote>
            <p>„Oder und dann wird quasi gemeinsam eine Entscheidung gefällt, wobei ich sag mal natürlich die Familie und die Klassenlehrerin da das größte Gewicht auch haben.“ (Interview 9, Schule 6, KL)</p>
          </disp-quote>
          <p>Auf die Frage danach, welche Personen besonders hilfreich für die Formation der Übergangsempfehlung waren, schließt die interviewte Lehrkraft zwar auch explizit die Sonderpädagogin ein, dies jedoch nur sehr knapp und erst nach der sehr viel ausführlicheren Würdigung der Schulbetreuung: </p>
          <disp-quote>
            <p>„Ja auf jeden Fall die Schulbetreuung, die einfach, ja, auch ganz klar immer gesehen hat auch bei den leistungsmäßigen Aufgaben, was hat Max wie geschafft? […] Die hat ja auch sein Lernen und Leisten immer wieder beobachtet und das mir immer ganz genau geschildert.“ (Interview 9, Schule 6, KL)</p>
          </disp-quote>
          <p>Sicherlich ist es sinnvoll auch Informationen aus dieser Perspektive einzubeziehen. Dennoch erstaunt die hier vorgenommene Gewichtung mit Blick auf die Bedeutung der Personengruppen. Demnach scheinen die diagnostischen Informationen aus der Schulbetreuung eine höhere Relevanz zu haben als die der Sonderpädagogin. </p>
          <p>In den anderen sechs Fällen erscheint der Prozess der Übergangsempfehlung gleichberechtigt in der Verantwortung beider Professionen zu liegen. Die Befragten betonen gemeinsame Zielvorstellungen für das Kind mit SPF und formulieren ihre Antworten insbesondere in der 1. Person Plural: </p>
          <disp-quote>
            <p>„Und dann haben wir unsere Überlegungen da eben vorgestellt. […] Und da haben wir dann eben die Förderschule empfohlen.“ (Interview 1, Schule 1, SP)</p>
          </disp-quote>
          <disp-quote>
            <p>„[…] oder was wir, meine Kollegin und ich, was wir für ihn uns gewünscht haben, das haben wir ja durch die Beratungen erreicht. Ja, wir haben ihn auf den Weg gebracht, von dem wir meinen, dass er der möglichst Beste für ihn ist.“ (Interview 5, Schule, 4, SP)</p>
          </disp-quote>
          <p>In einem Interview definiert eine Sonderpädagogin die Zusammenarbeit mit der Regelschulkollegin auch mehrmals explizit als Teamarbeit. Wenn sie z. B. beschreibt, dass die <italic>„Grundschulleute, als Team die weiterführende Schule besuchen.“</italic> (Interview 8, Schule 4, SP), sieht sie sich selbst als Mitglied dieses Teams und damit des Grundschulkollegiums. Sie betont, dass gute Beratung der Eltern am Übergang nur gelingt, <italic>„wenn man als Team gut funktioniert, als Lehrerteam“</italic> (Interview 8, Schule 4, SP) und lässt darin erkennen, dass das in ihrem Fall gegeben ist. </p>
          <p>Zusammenfassend zeigt sich in der Mehrheit der Fälle eine geteilte Verantwortung – teils mit unterschiedlichen Gewichtungen – der Klassen- und sonderpädagogischen Lehrkraft für die Übergangsempfehlung bei Schüler*innen mit SPF. Aber auch die alleinige Verantwortung der Klassenlehrkraft ohne Nutzung der sonderpädagogischen Expertise wird in einem Fall deutlich. </p>
        </sec>
      </sec>
      <sec id="sec-6_3">
        <title>Gemeinsame Betrachtung beider Formen von Kooperation</title>
        <p>Abschließend werden die bislang separat dargestellten Ergebnisse zu beiden Kooperationsmerkmalen kombiniert (Tabelle 1). Drei Fälle zeichnen sich durch eine geteilte Verantwortung für die Empfehlung von Klassenlehrkraft und Sonderpädagogin aus, ebenso aber durch eine mangelnde Ausschöpfung diagnostischer Informationen über die weiterführende Schule (Interview 4, 7, 11). Ein Fall kann als Gegenteil dazu beschrieben werden. Zwar werden Informationen über die weiterführende Schule eingeholt, aber die innerschulische sonderpädagogische Perspektive wird nicht ausgeschöpft (Interview 10). Bei den verbleibenden sieben Fällen arbeiten die Lehrkräfte zum einen in der Grundschule multiprofessionell zusammen und sind zudem bemüht, sachbezogene Informationen der weiterführenden Schulen zu sammeln. </p>
        <table-wrap id="tbl1">
          <caption>
            <title>
              Tabelle 1: Kategorisierung der Fälle nach beiden Qualitätsdimensionen (N = 11): Angabe der Fallnummern Anmerkung. <bold>KL = Klassenlehrkraft</bold>, <italic>SP = Sonderpädagogische Lehrkraft (Der Schriftschnitt kennzeichnet, welcher Profession die interviewte Person angehört.)</italic>
            </title>
          </caption>
          <table>
            <tr>
              <td colspan="2" rowspan="2"><bold>Verantwortung</bold></td>
              <td colspan="2"><bold>Ziel der Kooperation mit der weiterführenden Schule</bold></td>
            </tr>
            <tr>
              <td><bold>(auch) diagnostisches Wissen</bold></td>
              <td><bold>ausschließlich andere Ziele</bold></td>
            </tr>
            <tr>
              <td rowspan="3"><bold>geteilt</bold></td>
              <td>gleichberechtigt</td>
              <td><italic>1, 3, 5, 8</italic></td>
              <td><bold>7, 4</bold></td>
            </tr>
            <tr>
              <td>vorrangig SP</td>
              <td><bold>2, 6</bold></td>
              <td><italic>11</italic></td>
            </tr>
            <tr>
              <td>vorrangig KL</td>
              <td><bold>9</bold></td>
              <td/>
            </tr>
            <tr>
              <td rowspan="2"><bold>bei einer Profession</bold></td>
              <td>SP</td>
              <td/>
              <td/>
            </tr>
            <tr>
              <td>KL</td>
              <td><bold>10</bold></td>
              <td/>
            </tr>
          </table>
        </table-wrap>
      </sec>
    </sec>
    <sec id="sec-7">
      <title>Diskussion</title>
      <sec id="sec-7_1">
        <title>Zusammenfassung und praktische Implikationen</title>
        <p>Ziel des vorliegenden Beitrags war eine Analyse der multiprofessionellen Kooperation mit Blick auf die Diagnostik am Grundschulübergang von Schüler*innen mit SPF. Im Fokus standen sowohl die schulinterne Kooperation zwischen Klassen- und sonderpädagogischer Lehrkraft als auch die schulformübergreifende Kooperation zwischen Grundschule und weiterführender Schule. </p>
        <p>Unsere Analysen zur <italic>Kooperation mit weiterführenden Schulen</italic> ergänzen die insgesamt noch knappe Befundlage in dem Bereich. Während bisherige Studien die Übergangsgestaltung fokussieren (z. B. Racherbäumer &amp; Kohnen, <xref id = "88" ref-type = "bibr" rid = "Racherbaumer.2014" > [88] </xref>), belegen unsere Ergebnisse, dass ein größerer Anteil der teilnehmenden Lehrkräfte auch zu diagnostischen Zwecken mit weiterführenden Schulen kooperiert. Teilweise besteht zudem der Wunsch diese Kooperationen auszubauen, wobei auch auf damit verbundene Schwierigkeiten verwiesen wird. Dies deckt sich mit Befunden zur Übergangsgestaltung (Porsch, <xref id = "89" ref-type = "bibr" rid = "Porsch.2015" > [89] </xref>; Racherbäumer &amp; Kohnen, <xref id = "90" ref-type = "bibr" rid = "Racherbaumer.2014" > [90] </xref>). Grundsätzlich haben sich (stufenübergreifende) Schulnetzwerke wie z. B. in den Schulentwicklungsprojekten SINUS, Schulen im Team oder GanzIn als gewinnbringend für die Übergangsgestaltung erwiesen (Sartory, <xref id = "91" ref-type = "bibr" rid = "Sartory.2016" > [91] </xref>). Eine gezielte Erweiterung dieser Kooperationen um den Austausch diagnostischer Informationen dürfte sich positiv auf die dem Übergang vorausgehende Empfehlung auswirken und somit indirekt auch den Übergang erleichtern. Der Aufbau solcher Kooperationen sollte jedoch durch externe Koordinierungsstellen unterstützt werden (z. B. Wohlstetter, Malloy, Chau &amp; Polhemus, <xref id = "92" ref-type = "bibr" rid = "Wohlstetter.2003" > [92] </xref>). Regionale Bildungsbüros und eine zentrale Steuerung könnten hier zur Entlastung der Schulen die initiale Organisation übernehmen. Im Verlauf der sich etablierenden Kooperation müssten dann die gesammelten Informationen an der Schule zentral verfügbar gemacht und regelmäßig auf ihre Aktualität geprüft werden, im Idealfall durch eine schulinterne Funktionsstelle („Übergangsbeauftragte*r“). Insgesamt scheint somit die Kooperation zwischen Grund- und weiterführender Schule ausbaufähig. </p>
        <p>Als ein Hauptergebnis der Analysen zur <italic>schulinternen Kooperation</italic> lässt sich ein aufgabenteiliges Vorgehen der beiden Professionen in allen Interviews nachweisen. Die Zuständigkeit der sonderpädagogischen Lehrkraft begrenzt sich weitgehend auf Schüler*innen mit SPF, während Regelschullehrkräfte für die übrigen Schüler*innen zuständig sind, was dem Gedanken unterschiedlicher Expertisen Rechnung trägt. Dem entsprechen auch die bisherigen Befunde zum Rollenverständnis der beiden Professionen (z. B. Kreis et al., <xref id = "93" ref-type = "bibr" rid = "Kreis.2014" > [93] </xref>) und zur tatsächlichen Praxis (Arndt &amp; Werning, <xref id = "94" ref-type = "bibr" rid = "Arndt.2013b" > [94] </xref>; Petzold &amp; Glück, <xref id = "95" ref-type = "bibr" rid = "Petzold.2018" > [95] </xref>). Demnach „muss von der Utopie vom <italic>Lehrer als Alleskönner</italic> Abstand genommen werden“ (Schäfer &amp; Rittmeyer, <xref id = "96" ref-type = "bibr" rid = "Schafer.2015" > [96] </xref>, S. 122, Herv. im Original). Vielmehr sollte jede Profession „ihren fachspezifischen, je nach Problemstellung unterschiedlich großen oder kleinen Beitrag“ (Irblich &amp; Stahl, <xref id = "97" ref-type = "bibr" rid = "Irblich.2005" > [97] </xref>, S. 456) leisten. </p>
        <p>Als zweites Hauptergebnis der Analysen zur <italic>schulinternen Kooperation</italic> lässt sich aus der Perspektive der Interviewpartner*innen, anders als in Studien zur Feststellung des SPFs (Iskenius-Emmler et al., <xref id = "98" ref-type = "bibr" rid = "IskeniusEmmler.2003" > [98] </xref>), für fast alle Fälle eine geteilte Verantwortung für die Übergangsempfehlung seitens der beiden Professionen festhalten. Dies geschieht teilweise mit unterschiedlicher Schwerpunktsetzung, aber nur in einer Schule bleibt die vorhandene sonderpädagogische Expertise gänzlich ungenutzt. Eine solche einseitige oder wenigstens ungleiche Verantwortungsübernahme könnte ungünstigen Rahmenbedingungen geschuldet sein (z. B. Arndt &amp; Werning, <xref id = "99" ref-type = "bibr" rid = "Arndt.2013b" > [99] </xref>). Zwei Interviewte sehen personelle Engpässe, da an ihrer Schule sonderpädagogisches Deputat in eine Klassenleitung oder in Vertretungsunterricht fließt und somit für Kooperation fehlt. In zwei Schulen dagegen besteht eine strukturelle Verankerung von Austauschmöglichkeiten in regelmäßigen Teamsitzungen, die die Kooperation deutlich erleichtern. Allerdings ist dies keine notwendige Bedingung, wie folgendes Zitat aus einem Interview zeigt, in dem eine gleichberechtigte Verantwortungsübernahme für den Übergang des Kindes herausgearbeitet wurde: </p>
        <disp-quote>
          <p>„Wir haben keine Teamstunde, die immer in der Woche möglich ist. Das macht man wirklich zwischen Tür und Angel. Das ist Wunschdenken, dass sowas sein sollte und könnte, ne, das funktioniert aber leider nicht so richtig. Man macht dann vieles halt so nach dem Unterricht mal oder mal in der Pause und bei den Elternsprechtagen, da nehmen wir uns natürlich Zeit vorher, darüber zu sprechen, was wir mit den Eltern besprechen wollen.“ (Interview 5, Schule 4, SP)</p>
        </disp-quote>
        <p>Es wird aber ebenso deutlich, dass die Lehrkraft die Rahmenbedingungen dennoch als widrig erlebt. Eine andere Lehrkraft sieht diese nicht als Defizit der Einzelschule an, sondern als strukturelles Problem der Schulform Grundschule: </p>
        <disp-quote>
          <p>„Wir sind ja als Grundschule gar nicht so ausgestattet, dass da so viel mehr möglich ist. An einer Förderschule da sind ja doch, die arbeiten ja schon von vornherein in Teams und da gibt es einfach so auch noch mehr Austausch. Da ist der Austausch auch noch mehr in den Schulalltag integriert, als bei uns. Das ist ja leider, sind wir ja nicht so auf Team und Austausch und solche Dinge, ja, ist die Schulform einfach nicht ausgerichtet. Das wird sich sicher ändern müssen, denke ich, aber so weit sind wir ja noch nicht.“ (Interview 9, Schule 6, KL)</p>
        </disp-quote>
        <p>Dies trifft sicherlich nicht auf alle Schulen zu. Das Zitat zeigt dennoch, dass an Schulen Schulentwicklungsprozesse angestoßen werden sollten, um Kooperationen zu fördern. </p>
      </sec>
      <sec id="sec-7_2">
        <title>Grenzen und Ausblick auf die weitere Forschung</title>
        <p>Bei der Interpretation unserer Befunde ist eine mögliche Positivauswahl der Interviewten zu berücksichtigen. Wie üblich bei einer freiwilligen Teilnahme ist von besonders engagierten Lehrkräften auszugehen. Dies gilt umso mehr, da sich die Interviewten trotz der Mehrbelastung während der Coronapandemie in relativ langen Interviews als Gesprächspartner*innen zur Verfügung gestellt haben. </p>
        <p>Mit Blick auf die Anlage der Interviews lässt das Material kooperationsrelevante Fragen offen. Aufgrund der breiten Zielsetzung des Gesamtprojektes zur Diagnostik am Übergang bei Schüler*innen mit SPF, konnten nicht alle Aspekte in der notwendigen Tiefe angesprochen werden. Zwar waren die schulinterne und übergreifende Kooperation expliziter Bestandteil des Interviewleitfadens, nicht jedoch beispielsweise Informationen zum Umfang, zu den Rahmenbedingungen oder der Bewertung der Kooperation, die nicht alle Interviewten von sich ansprachen. Dies gilt vor allem für die Kooperation mit der weiterführenden Schule. Zum einen war die Quelle des sachbezogenen Wissens über die weiterführenden Schulen nicht immer ersichtlich (Kooperation mit der weiterführenden Schule vs. Berichte der Eltern). Zum anderen thematisierten die Interviewten häufig Maßnahmen, die offensichtlich den Schüler*innen den Übergang erleichtern sollten (z. B. Hospitationen an der neuen Schule). Es blieb aber unklar, ob diese <italic>zusätzlich</italic> dazu dienten, Informationen für zukünftige Empfehlungen zu sammeln (s. dazu van Ophuysen et al., <xref id = "100" ref-type = "bibr" rid = "vanOphuysen.2021" > [100] </xref>). </p>
        <p>Grenzen zeigen sich zudem bezogen auf die Auswertung. Dies betrifft zum einen die bisher noch nicht ausgeschöpften Möglichkeiten einer Fallkontrastierung (z. B. zwischen Lehrkräften im ländlichen vs. im städtischen Raum). Zum anderen ergeben sich bei der evaluativen Inhaltsanalyse Diskussionspunkte bezogen auf die Zuordnung zur Kategorie „geteilte Verantwortung“. Insbesondere in den vier Fällen, in denen nicht eindeutig auf eine geteilte Verantwortung zu schließen war (Interview 2, 6, 9, 11), könnte die Kategorisierung von der rollenspezifischen Perspektive der befragten Person abhängen. Dies erscheint zunächst nicht naheliegend (Tabelle 1). Die u. a. gewählte Kategorisierung anhand der Personalformen (1. Person Singular vs. Plural) könnte jedoch zu falschen Schlussfolgerungen führen, denn immerhin kommt nur eine Profession der Kooperationspartner*innen zu Wort und die bisherige Forschung legt nahe, dass die Bewertung der Kooperation durch die professionsspezifische Perspektive bedingt ist (Gebhard et al., <xref id = "101" ref-type = "bibr" rid = "Gebhard.2014" > [101] </xref>; Gebhardt et al., <xref id = "102" ref-type = "bibr" rid = "Gebhardt.2013" > [102] </xref>). </p>
        <p>Insgesamt stößt die qualitative Inhaltsanalyse an Grenzen in der Auswertung. An einigen Stellen erweckt das Material den Eindruck konflikthafter Kooperationen. Fragen nach dem professionsspezifischen Rollenverständnis und der subjektiven Bewertung der Kooperation, ließen sich aber inhaltsanalytisch nicht herausarbeiten. Eine Reanalyse mit einer rekonstruktiven Methode könnte hier eine tiefergehende Analyse latenter Sinnstrukturen ermöglichen. </p>
        <p>Schließlich könnten in der weiteren Forschung zur diagnostikbezogenen Kooperation auch alternative Formen der Erhebung von Daten gewinnbringend sein. Denkbar wären Schulbesuche zur Sichtung diagnostikbezogener Dokumente (z. B. AO-SF-Gutachten, Beobachtungsbögen, Protokolle von Elterngesprächen). Dies ließe sich mit fokussierten Interviews kombinieren, in denen die Dokumente als Gesprächsgegenstand eingesetzt werden, um die oben beschriebenen Schwierigkeiten bei der Zuordnung zur Kategorie „geteilte Verantwortung“ aufzulösen. Die Dokumente könnten helfen, darüber ins Gespräch zu kommen, welche Profession welche Rolle und Aufgabe hatte (z. B. bei der Durchführung eines diagnostischen Verfahrens, der Sammlung von Informationen im Elterngespräch oder der Mitteilung einer Diagnose wie der Empfehlung). Die subjektiven Perspektiven der beteiligten Akteur*innen könnten wiederum durch die Perspektive von Außenstehenden ergänzt werden. Hier bieten sich Beobachtungen bzw. die Videografie von Teamsitzungen an. </p>
        <p>Die Forschung zur multiprofessionellen Kooperation als Qualitätsmerkmal diagnostischen Handelns steht noch weitgehend am Anfang. An dieser Forschungslücke setzt unser Beitrag an und präsentiert erste Ergebnisse für eine exemplarische, relevante diagnostische Aufgabe, die Übergangsempfehlung. Eine Ausweitung auf andere diagnostische Aufgaben (z. B. Lernverlaufsdiagnostik), andere Kooperationspartner*innen (z. B. therapeutisches Personal, Schulbegleiter*innen) oder aber, wie oben skizziert, andere Erhebungs- und Auswertungsmethoden erscheint uns als lohnenswertes Forschungsfeld. </p>
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        <p>S. Schürer und K. Lintorf haben zu gleichen Teilen zu der vorliegenden Veröffentlichung beigetragen.</p>
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